CREATED IN CHINA

Chinas Biotech-Sektor erlebt seinen DeepSeek-Moment

Während Gesundheitsaktien weltweit mit Gegenwind zu kämpfen hatten, erlebt der chinesische Pharmasektor eine bemerkenswerte Erholung. Angeführt wird diese Erholung von den Biotech-Unternehmen des Landes, die sich rasch zu einer globalen Kraft entwickelt haben. Chinesische Firmen stehen inzwischen an der Spitze der Entwicklung gezielter Krebstherapien und erweitern ihre Pipelines um Behandlungen für Autoimmun- und seltene Erkrankungen.

So wie DeepSeek im Bereich der Künstlichen Intelligenz verdeutlicht hat, mit welcher Geschwindigkeit China den Abstand zu den weltweit führenden Technologien verringert, haben auch die jüngsten Partnerschaften zwischen chinesischen Biotechnologieunternehmen und globalen Pharmakonzernen die oftmals unterschätzten Fortschritte des Sektors sichtbar gemacht. Diese Entwicklungen sind keineswegs über Nacht entstanden, sondern das Ergebnis jahrelanger strategischer Investitionen, politischer Reformen und einer gezielten Förderung wissenschaftlicher Talente.

Im Anschluss an frühere Artikel dieser „Created in China“-Serie zu ADAS (fortschrittlichen Fahrerassistenzsystemen) und künstlicher Intelligenz beleuchten wir den Aufstieg der chinesischen Biotech-Industrie als weiteres Beispiel für den breiteren Aufstieg des Landes in technologiegetriebenen Branchen.

Demografie und die Herausforderungen des chinesischen Gesundheitswesens

China erlebt einen der schnellsten demografischen Wandel der Geschichte. Bis 2035 dürfte die ältere Bevölkerung 400 Millionen übersteigen und damit über 30 % der Gesamtbevölkerung ausmachen.1

Das Land hat außerdem eine Phase rascher Urbanisierung durchlaufen, die zu veränderten Lebensstilen und einem tiefgreifenden Wandel der Ernährungsgewohnheiten geführt hat. Dies hat zu einem starken Anstieg chronischer Erkrankungen beigetragen. Heute hat China weltweit die meisten Diabetiker und eine der höchsten Adipositasraten bei Kindern, wobei fast 30 % der Kinder im Alter von 6 bis 18 Jahren an Adipositas leiden.2

Infolgedessen steht Chinas Gesundheitssystem vor beispiellosen Herausforderungen. Dies gilt insbesondere, da die Investitionen im Gesundheitswesen bislang hinter denen anderer großer Volkswirtschaften zurückgeblieben sind. So gab China 2022 beispielsweise 5,4% seines BIP für das Gesundheitswesen aus. Das entspricht weniger als der Hälfte des Wertes der USA (Abbildung 1).

Da die bestehende Gesundheitsinfrastruktur unter Druck steht, hat dies zu einer Dringlichkeit für Reformen im öffentlichen Gesundheitswesen und Strategien der Präventivversorgung geführt. Die Politik konzentriert sich darauf, die Gesundheitsversorgung zugänglicher und erschwinglicher zu machen. In den letzten fünf Jahren wurden rund 5.000 neue Krankenhäuser eröffnet. China setzt zudem verstärkt auf KI, intelligente Bildgebung und digitale Gesundheitsplattformen, um die Diagnostik zu verbessern, Kosten zu senken und die Versorgung in bislang unterversorgten Regionen auszubauen.

Vor diesem Hintergrund spielt Chinas Biotech-Sektor eine transformative Rolle bei der Bewältigung der gesundheitlichen Herausforderungen des Landes, insbesondere jener, die durch die rasche Alterung, regionale Ungleichgewichte bei der medizinischen Versorgung und die zunehmende Belastung durch chronische Krankheiten verursacht werden.

Der Aufstieg des chinesischen Biotech-Sektors

Der Biotech-Sektor wurde erstmals in den frühen 2000er-Jahren als nationale Priorität eingestuft, doch echte Fortschritte wurden vor allem im letzten Jahrzehnt erzielt. 2015 wurden in China weniger als 350 „innovative“ Arzneimittel entwickelt. Bis 2024 war diese Zahl auf 1.250 Arzneimittel gestiegen. Damit hat China Europa inzwischen überholt und nähert sich schnell dem Niveau der USA an.3

Abbildung 1: Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP – China im Vergleich zu EU, Japan und den USA

Quelle: Gesundheitsausgaben – Weltbank-Datenbank, Stand 31. Dezember 2022

Dieser Anstieg spiegelt die Auswirkungen regulatorischer Reformen, eines verbesserten Zugangs zu Kapital sowie eines stetig wachsenden Pools hochqualifizierter Fachkräfte wider – wir sind der Ansicht, dass diese Faktoren zusammen China an die Spitze der Innovation in den Life Sciences katapultiert haben.

Regulatorische Reformen

Ab 2015 wurde Biotechnologie im Rahmen der Politik „Made in China 2025“ als einer der zehn kritischen Entwicklungssektoren aufgenommen. Jüngst wurde sie zudem als Pfeiler der „neuen hochwertigen Produktivkräfte“ Chinas etabliert, die auf die Förderung des Wirtschaftswachstums durch Innovation in Spitzentechnologien ausgerichtet sind.

Zu den wichtigsten Änderungen zählen:

  • Verkürzte Zulassungs- und Entwicklungszeiten für klinische Studien neuer Arzneimittel.
  • Beschleunigte Genehmigungsverfahren für innovative Medikamente (Abbildung 2).
  • Aufnahme neuer Arzneimittel in die nationalen Erstattungskataloge, sodass sie über staatlich unterstützte Krankenversicherungssysteme erstattungsfähig werden.
  • Angleichung chinesischer Standards für klinische Studien an internationale Vorgaben, was die Zusammenarbeit mit globalen Pharmaunternehmen erleichtert und die Zahl von Lizenzierungs- und Kooperationsvereinbarungen erhöht hat.

Finanzierung – verbesserter Zugang zu Kapital

Einer der wichtigsten Wachstumstreiber für Chinas Biotechnologiesektor waren umfassende Reformen an den Kapitalmärkten, die neue Finanzierungsmöglichkeiten für innovationsorientierte Unternehmen geschaffen haben. Ein wichtiger Durchbruch gelang 2018, als die chinesische Wertpapieraufsichtsbehörde beschleunigte Börsenzulassungen für technologieorientierte „Unicorns“ einführte – ein deutliches Signal politischer Unterstützung für innovationsgetriebene Branchen.

Etwa zur gleichen Zeit lockerte die Hongkonger Börse ihre Notierungsregeln und ermöglichte es Biotech-Unternehmen ohne Umsatz, an die Börse zu gehen. Damit erhielten Start-ups Zugang zu internationalem Kapital, noch bevor sie Umsätze erzielten. Ergänzend schuf die Einführung des Shanghai STAR Market Mechanismen, die Ausstiegsmöglichkeiten für Investoren in der Frühphase erleichterten und so Liquidität und Vertrauen weiter stärkten.

Zusammen lösten diese Reformen einen Anstieg der Private-Equity- und Venture-Capital-Aktivität aus, wobei die Frühphasenfinanzierung im Biotech-Bereich von 2 Mrd. USD im Jahr 2017 auf 16 Mrd. USD im Jahr 2021 sprunghaft anstieg.4

Auch wenn die private Finanzierung während der Covid-Jahre zurückging, hat die anschließende Erholung der Kapitalmärkte gemeinsam mit einer wachsenden Zahl von Auslizenzierungen an globale Pharmaunternehmen erneut ein solides Finanzierungsumfeld geschaffen. Dadurch verfügen viele chinesische Biotechnologieunternehmen heute über verbesserte Möglichkeiten, Forschung, Entwicklung und Internationalisierung voranzutreiben.

Abbildung 2: Die Zahl der Zulassungen für Biopharmazeutika und innovative Arzneimittel steigt

Quelle: Mercator Institute for China Studies (MERICS), Stand April 2025

Humankapital – die Stärke eines wachsenden Talentpools

Ein weiterer wichtiger Treiber des schnellen Wachstums war ein wachsender Talentpool an MINT-Absolventen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) sowie eine Welle im Westen ausgebildeter chinesischer Wissenschaftler, die seit den frühen 2000er-Jahren in ihre Heimat zurückkehren.

China bringt jährlich rund 5 Millionen MINT-Absolventen hervor und schafft damit eine breite Basis an Wissenschaftlern, Ingenieuren und Biotech-Fachkräften. Darauf aufbauend hat sich Chinas Grundlagenforschung schnell verbessert. Chinesische Biotech-Forscher belegen inzwischen weltweit den zweiten Platz hinter den USA bei der Zahl hochwertiger Veröffentlichungen und liegen damit weit vor Großbritannien, Deutschland und Japan.5 Eine weitere Folge dieses reichhaltigen Angebots an Humankapital ist, dass die Arbeitskosten in China deutlich niedriger sind als in anderen Märkten wie den USA.

Abbildung 3: Zahl der klinischen Studien für innovative Arzneimittel

Quelle: Pharmcube, HSBC, Stand 31. Dezember 2024

Auslizenzierungsvereinbarungen – weltweite Anerkennung und Glaubwürdigkeit

Ein sichtbarer Beleg für die wachsende internationale Bedeutung chinesischer Biotechnologieunternehmen sind die zahlreichen Auslizenzierungsvereinbarungen der vergangenen Jahre. Dabei erwerben etablierte globale Pharmakonzerne die Rechte zur Weiterentwicklung und weltweiten Vermarktung von Wirkstoffen, die ursprünglich von chinesischen Unternehmen entwickelt wurden.

Die Welle der chinesischen Auslizenzierungen begann 2023, als 74 Deals mit einem Wert von bis zu 42,5 Mrd. USD abgeschlossen wurden. Im ersten Halbjahr 2025 wurden 64 Deals mit einem Wert von bis zu 68,3 Mrd. USD unterzeichnet.6

Namhafte Unternehmen wie Merck, Pfizer und AstraZeneca haben allesamt Abkommen mit chinesischen Biotech-Firmen geschlossen. Viele dieser Pharmaunternehmen stehen vor bevorstehenden Patentabläufen und zunehmendem Preisdruck. Solche Lizenzvereinbarungen bieten daher zusätzliche Optionen für künftiges Wachstum.

Zugleich bieten Auslizenzierungsgeschäfte chinesischen Biotech-Unternehmen mehrere strategische und finanzielle Vorteile, insbesondere da sie versuchen, global zu skalieren und die kapitalintensive Arzneimittelentwicklung zu bewältigen. Vorabzahlungen aus Lizenzvereinbarungen liefern wichtige Einnahmen, die Forschung und Entwicklung unterstützen, ohne dass eine vollständige Vermarktungsinfrastruktur erforderlich ist. Die Deals ermöglichen es chinesischen Firmen, auf die globalen Vertriebsnetze und die regulatorische Expertise ihrer Partner zuzugreifen. Und die Partnerschaft mit etablierten Pharmaunternehmen steigert zudem die Glaubwürdigkeit chinesischer Biotech-Innovationen. Dies kann wiederum weiteres Kapital und Talent anziehen und so das Innovationsökosystem stärken.

Abbildung 4: Trend bei der Zahl chinesischer Auslizenzierungsgeschäfte

Quelle: Morgan Stanley, GBI, Stand 30. Juni 2025. Hinweis: Die Daten für 2025 beziehen sich nur auf das erste Halbjahr (1H25).

Ein wachsendes Chancenpotenzial für Investoren in China

Chinas börsennotierter Biotech-Sektor hat eine relativ kurze Geschichte. Vor nur einem Jahrzehnt gab es kaum börsennotierte Unternehmen. Nach einer Phase starker Performance, angetrieben durch Reformen der Finanzmärkte, geriet der Sektor während und nach den Covid-Jahren in eine schwierige Phase.

Während sich der Sektor fundamental weiterhin rasch entwickelte, spiegelt sich dies erst in jüngerer Zeit in einem positiveren Umfeld an den Aktienmärkten wider.

Heute sind über 400 chinesische Biotech-Unternehmen an den Börsen des chinesischen Festlands, Hongkongs und der USA notiert, mit einer kombinierten Marktkapitalisierung von 1,5 Billionen USD (Abbildung 5).7,8,9

Trotz einer Erholung im laufenden Jahr liegt die Gesamtmarktkapitalisierung des chinesischen Gesundheitssektors jedoch weiterhin deutlich unter den Höchstständen von 2021. Und im globalen Vergleich ist die Marktkapitalisierung der in den USA notierten Gesundheitsaktien rund 3 Billionen USD höher als in China.10 Unserer Ansicht nach besteht hier langfristig erhebliches Wachstumspotenzial.

Abbildung 5: Gesamtmarktkapitalisierung des chinesischen Gesundheitssektors (in Bio. USD)

Quelle: Jefferies, Factset, 29. August 2025. Hinweis: „China Healthcare“ bezieht sich auf ein breiteres Spektrum chinesischer Unternehmen im Gesundheitssektor (GICS Level 1).

Fazit

Wie Biotech-Märkte weltweit ist auch eine Investition in Chinas Biotech-Sektor mit Risiken verbunden. Die Abbruchquote bei klinischen Studien in der Frühphase bleibt hoch, und geopolitische Spannungen – insbesondere im Hinblick auf den Zugang zum US-Markt – stellen zusätzliche Hürden dar. Doch der Kurs der chinesischen Biotech-Industrie wird zunehmend von konkretem Fortschritt statt bloßem Versprechen bestimmt.

Volumen und Qualität der aus China stammenden Wirkstoffkandidaten steigen deutlich, wobei chinesische Unternehmen inzwischen rund ein Drittel des weltweiten Werts von Auslizenzierungsgeschäften ausmachen – ein klares Signal für die wachsende internationale Relevanz.11

Mit Blick in die Zukunft ist das inländische Umfeld günstig. China verfügt über einen tiefen Talentpool, sich verbessernde Forschungsstandards, ein günstiges regulatorisches Umfeld und zunehmend zugängliche Finanzierungsmöglichkeiten. Zusammen bilden diese Elemente eine solide Grundlage für nachhaltige Innovation.

Unserer Ansicht nach ist Biotechnologie nicht nur ein strategischer Wachstumssektor – sie ist auch ein überzeugendes Beispiel für Chinas fortschreitende Führungsrolle in technologiegetriebenen Branchen. Zudem ist dies ein Bereich, in dem wir weiterhin Durchbrüche, globale Partnerschaften und langfristige Wertschöpfung erwarten.

1 Xinhua News, 10. Januar 2025
2 „Epidemiology of obesity and influential factors in China: a multicenter cross-sectional study of children and adolescents“, 1. August 2024
3 Norstella, Bloomberg, 14. Juli 2025
4 Gavekal, 28. Juli 2025
5 Nature Index, 31. Dezember 2024
6 PharmaDJ, Gavekal, 28. Juli 2025
7 „Chinese Companies Listed on Major U.S. Stock Exchanges“, U.S.-China Economic and Security Review Commission, 7. März 2025
8 „Report on Hong Kong-Listed Biotech Companies“, Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP, Juni 2024
9 Jefferies, FactSet, 29. August 2025
10 Jefferies, FactSet, 29. August 2025
11 Gavekal, 28. Juli 2025

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