Infrastruktur neu denken
Deglobalisierung als Antwort auf Volatilität bei Infrastrukturanlagen?
In den letzten fünf Jahren hat die Welt große Veränderungen und einige Umwälzungen erlebt. Ob Corona-Pandemie, Ukraine-Krieg, steigende Zinsen und Inflation oder jüngst eskalierende geopolitische und handelspolitische Spannungen – jedes dieser Ereignisse hat die globalen Märkte stark beeinflusst. Die Turbulenzen haben nicht nur die Widerstandsfähigkeit von Investoren auf die Probe gestellt, sondern ein neues Anlageumfeld geschaffen.
Bislang wurden Infrastrukturinvestments von den „drei Ds“ geleitet: Dekarbonisierung, Digitalisierung und Demografie. Mehr als 40 Jahre, nachdem Harvard-Professor Theodore Levitt in einem Artikel über die treibenden Kräfte in der Weltwirtschaft erstmals den Begriff „Globalisierung der Märkte“1 verwendete, ist ein viertes „D" hinzugekommen, das an Bedeutung gewinnt – es steht für: Deglobalisierung.
In einer Welt, die turbulenter und unvorhersehbarer geworden zu sein scheint, stehen langfristig orientierte Anleger vor neuen Herausforderungen, was die Bewältigung von Unsicherheiten angeht.
Deglobalisierung als treibende Kraft
Wir leben in einer globalisierten Welt, die der Motor des Wohlstands ist. Die Globalisierung ist nicht vorbei, sie verändert aber ihren Charakter, und Investoren müssen imstande sein, sich anzupassen. Deshalb ist es wichtig, die Vorteile vernetzter Märkte zu wahren und zu nutzen und gleichzeitig riskante Abhängigkeiten zu begrenzen.
Die Weltwirtschaft entwickelt sich zunehmend fragmentierter. Importzölle, die Rückverlagerung strategisch wichtiger Produktion und steigende Militärausgaben rücken an die Stelle des einst dominierenden Trends hin zu offenen Märkten und global ausgerichteten Lieferketten. Geopolitische Spannungen und Schwachstellen in den Lieferketten haben dazu geführt, dass sich der Fokus hin zu mehr nationaler Autarkie verlagert.
Dieser Wandel ist besonders gravierend für exportorientierte Volkswirtschaften. Länder, die einst von globaler Nachfrage profitierten, müssen sich nun an ein stärker lokalisiertes Wirtschaftsmodell anpassen. Für Infrastrukturanleger bedeutet dies außerdem eine Fokussierung auf die Resilienz des eigenen Landes – von der Energieversorgung über sichere digitale Netzwerke bis hin zu robusten Gesundheitssystemen. Diese Entwicklung könnte mehr und neue Anlagemöglichkeiten schaffen, da die Länder verstärkt in die eigene Energieinfrastruktur investieren, um die Sicherheit und Unabhängigkeit der Energieversorgung zu verbessern oder ihren Pfad hin zur Dekarbonisierung zu beschleunigen.
Die Deglobalisierung ist nicht nur ein makroökonomischer Trend, sondern das Ergebnis jüngster politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen. Und wir müssen darauf reagieren können. Einige neue Regierungen in Europa und den USA legen ehrgeizige Infrastrukturprogramme auf. Aber es gibt keine Standardlösung.
Fokusbereiche – von der Digitalisierung bis hin zu Transport
Quelle: Allianz Global Investors, JP Morgan, Stand: 25. November 2025
Zu den wichtigsten Fokusbereichen gehören:
• Energiesicherheit: Viele Länder setzen ihren Weg zur Dekarbonisierung fort. In Asien beispielsweise sehen wir einen stärkeren Impuls bei Projekten, welche die Energiewende vorantreiben oder beschleunigen. Das Streben nach Dekarbonisierung steht nun im Einklang mit den nationalen Sicherheitszielen. Viele Länder investieren in heimische erneuerbare Energiequellen, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern, die Kosten zu senken und die Sicherheit der Energieversorgung zu verbessern; gleichzeitig verringern sie ihre Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Relevant ist das vor allem für Staaten und Regionen, die auf ausländische Energieimporte angewiesen sind. Zudem leistet dies einen Beitrag zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit durch günstigere Energiepreise, z.B. dank intelligenter Energielösungen.
• KI und Digitalisierung: Die digitale Infrastruktur ist eine essenzielle Dienstleistung für die Öffentlichkeit. Hochgeschwindigkeitsinternet und zuverlässige Mobilfunknetze sind für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Ländern von entscheidender Bedeutung. Allerdings gibt es zwischen Asien und Europa sowie innerhalb Europas große Unterschiede hinsichtlich des Digitalisierungsgrads der einzelnen Länder. Darüber hinaus erhöht die Ausbreitung von KI und datenintensiven Anwendungen die Nachfrage nach stromhungrigen Rechenzentren. Die Datenströme sind global, doch die Infrastruktur für die Datenübertragung ist eher lokal ausgerichtet und steht in vielen Ländern auf der Agenda. Zudem erfordert die Digitalisierung mehr Rechenzentren und Energie – idealerweise aus umweltfreundlichen Quellen.
Stromverbrauch von Rechenzentren
nach Anbietern/Unternehmen*
(Gigawatt) Stromverbrauch von Rechenzentren
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Anteil in %
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* Die Nachfrage wird anhand des Stromverbrauchs gemessen, um die Anzahl der Server widerzuspiegeln, die ein Rechenzentrum beherbergen kann. Die Nachfrage umfasst den Bedarf für Speicher, Server und Netzwerke. Quelle: Why invest in the data center economy, McKinsey
• Transport: Der weltweite Warenverkehr ist ein grundlegender Motor für Wirtschaft und Handel. Jüngste Turbulenzen – wie Unterbrechungen der Lieferketten und Zollkonflikte – haben erhebliche Auswirkungen auf die Güterversorgung gehabt und sich auf unterschiedliche Branchen weltweit ausgewirkt. Um sich anzupassen, müssen Unternehmen alternative Wege zur Beschaffung von Rohstoffen und Komponenten erkunden. Der Verkehrssektor spielt eine entscheidende Rolle im Hinblick auf die Effizienz der Lieferketten und ist auch von zentraler Bedeutung für die weltweiten Bemühungen zur Dekarbonisierung.
• Urbanisierung: Durch die Globalisierung hat sich der Trend zur Verstädterung beschleunigt. Nach Angaben der UNO leben zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in Städten als in ländlichen Gebieten. Diese Entwicklung wird sich voraussichtlich fortsetzen.2 Angesichts dieses Trends und der zunehmenden Verdichtung der Städte müssen Infrastruktureinrichtungen wie Straßen, Brücken und öffentliche Verkehrsmittel modernisiert und ausgebaut werden, um den Anforderungen des städtischen Lebens gerecht zu werden und eine Alternative zum Autoverkehr zu bieten. Auch die Wasser- und Energieversorgung wurde in der Regel nicht für eine so große Bevölkerung ausgelegt und kann oft nicht mit dem Wachstum der Großstädte Schritt halten. Deshalb sind Investitionen für den Ausbau erforderlich. Gleiches gilt für
•Strategische Produktion: Während der Corona-Pandemie sind die Schwachstellen in den medizinischen Lieferketten im Gesundheitswesen und in der Pharmaindustrie zutage getreten und haben die Nachteile der Globalisierung verdeutlicht. Von Gigafabriken bis hin zu Halbleiterfabriken verlagern die Länder kritische Industrien zurück ins Inland, um die Kontinuität der Lieferketten und die Unabhängigkeit von Ländern zu wahren, die von geopolitischen Turbulenzen betroffen sein könnten.
Die jüngsten Handelskonflikte und politischen Spannungen könnten länger andauern. Anleger können vor diesem Hintergrund eine wichtige Rolle bei der Unterstützung nationaler Strategien spielen. Öffentlich-private Partnerschaften können ein guter Weg sein, Kräfte und Kompetenzen zu bündeln.
Größerer Einfluss von Infrastrukturanlegern
Für langfristig orientierte Investoren birgt das sich wandelnde Umfeld mit fortschreitender Deglobalisierung sowohl Herausforderungen als auch Chancen. Infrastruktur gilt als strategische Assetklasse, mit der sich nationale Prioritäten vorantreiben und gleichzeitig stabile langfristige Renditen erzielen lassen.
Die Regierungen sind sich der Bedeutung der Infrastruktur und der enormen Lücken in einigen Bereichen bewusst. Angesichts begrenzter öffentlicher Mittel tun sich zwar viele Länder schwer, doch privates Kapital kann helfen, dieses Problem zu umgehen. Institutionelle Investoren, die oft Lebensversicherungsnehmer und Pensionäre vertreten, können hier einen doppelten Beitrag leisten – zur nationalen Infrastruktur und zur Vorsorge. An Bedeutung gewinnen beispielsweise entsprechende Anleihenstrategien. In turbulenten Zeiten bewähren sich dabei konservatives Underwriting und diszipliniertes Risikomanagement. Investoren, die einen vorsichtigen Ansatz beibehalten haben, verzeichnen derzeit bessere Quoten, was die Wiedereinbringung des Kapitals bzw. Verluste betrifft.
Infrastrukturinvestitionen dürften bis 2040 kumuliert bis zu 106 Billionen US-Dollar erreichen
* Hinweis: Die Zahlen addieren sich rundungsbedingt nicht auf 100.
Quelle: Investing in the infrastructure of modern society , McKinsey; Food and Agriculture Organization; Global Infrastructure Hub; International Energy Agency; International Monetary Fund; Organisation for Economic Co-operation and Development; Preqin; United Nations; World Bank; World Economic Forum.
Es gab und gibt zahlreiche Projekte, die privates Kapital benötigen, um veraltete Infrastruktur zu modernisieren und weiterzuentwickeln. Große, erfahrene Infrastrukturinvestoren haben oft Zugang zu interessanten Projekten, die attraktive Eigenkapitalstrategien ermöglichen, auch mittels Co-Investitionen und Sekundärtransaktionen.
Da Infrastrukturprojekte zunehmend in den Mittelpunkt der nationalen Politik vieler Länder rücken, sind gleichgesinnte Partner mit fundiertem Fachwissen, relevanten Netzwerken und einer nachgewiesenen Erfolgsbilanz aus unserer Sicht am besten positioniert, sich bietende neue Chancen im Infrastruktursektor zu nutzen.
Infrastrukturinvestitionen - relevanter denn je
Deglobalisierung bedeutet keinen Rückzug, sondern eine Neuausrichtung. Verbunden sind damit Unsicherheiten und Turbulenzen sowie geänderte Prioritäten, was attraktive Anlagechancen für Fremd- und Eigenkapitalinvestoren eröffnen kann. In diesem Umfeld können sich Anleger im Bereich Infrastruktur auf Projekte konzentrieren, welche die Resilienz verbessern, die Nachhaltigkeit unterstützen und zur Autarkie eines Landes beitragen.
In dieser neuen Ära müssen wir uns als Investoren neu orientieren. Dabei ist folgendes klar: Bei Infrastruktur geht es nicht mehr nur um den Bau von Straßen, Brücken und Versorgungseinrichtungen. Es geht vielmehr grundsätzlich um die Themen Versorgungssicherheit, Unabhängigkeit und Souveränität. Und in diesem Zusammenhang ist Infrastruktur relevanter denn je zuvor.
Unsere Investments mit Bezug zur Deglobalisierung
Investitionen in die Energieversorgung
Die Stromverbindung „NeuConnect“ ist die erste direkte Verbindung ihrer Art zwischen Deutschland und Großbritannien. Diese 725 km lange „Energieautobahn“ unter der Nordsee ermöglicht den Austausch einer elektrischen Leistung von bis zu 1,4 GW. Durch Integration erneuerbarer Energiequellen in zwei der größten Länder Europas trägt sie zur Stärkung der Energiesicherheit und zur Energiewende bei.
Investitionen in digitale Rechenkapazitäten
Mit der Beschleunigung der digitalen Transformation wächst auch die Nachfrage nach Daten und der dafür erforderlichen Infrastruktur weiter. AllianzGI investiert in TierPoint, einen führenden US-Betreiber von Rechenzentren, beim Ausbau seines Netzes miteinander verbundener Einrichtungen in Ballungsräumen. Diese Investition unterstützt sowohl das digitale Wachstum als auch Nachhaltigkeitsziele.
Investitionen in Datenverbindungen
Die Digitalisierung erfordert eine digitale Infrastruktur, die trotz ihrer Bedeutung oft noch unterentwickelt ist, speziell in ländlichen Gebieten. Daher war der Ausbau des Glasfasernetzes in Österreich durch die „öGIG“ seit 2019 mit Fokus auf Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern ein notwendiger Impuls für die weitere Digitalisierung der österreichischen Verbraucher und Unternehmen. Daneben sind wir auch in Deutschland und Frankreich mit „Unsere Grüne Glasfaser“ aktiv. Das 2021 gegründete Unternehmen baut Glasfasernetze in Deutschland mit Schwerpunkt auf ländlichen und halb-ländlichen Gebieten auf. Ziel ist es, ein offenes Glasfasernetz mit einer Länge von über 50.000 km, das durch energieeffizienten Betrieb umweltfreundlich ist und den Übergang zu Glasfaser in den Zielgebieten ermöglicht.
Investitionen in die Resilienz von Städten
Die noch aus dem 19. Jh. stammenden Abwasserkanäle Londons können den Bedarf der fast neun Millionen Einwohner nicht mehr decken, was zu häufigen Überläufen von unbehandeltem Abwasser in die Themse führt. Der 25 km lange „Tideway Tunnel“ soll bis zu 95 % des Abwassers auffangen und behandeln. Er verläuft unterhalb der Themse und soll die öffentliche Gesundheit, die Umweltqualität und die Resilienz der Stadt für die nächsten 120 Jahre verbessern.
Investitionen in die Produktion von grünem Wasserstoff
Das finnische Unternehmen Ren-Gas ist der führende skandinavische Projektentwickler im Bereich „Grüner Wasserstoff“ und „Power-to-Gas“. Ren-Gas produziert hauptsächlich synthetisches Methan aus mit erneuerbarer Energie gewonnenem Grünem Wasserstoff und abgeschiedenem Kohlendioxid. Da die chemische Zusammensetzung von synthetischem Methan der von natürlichem Methan oder Erdgas ähnelt, kann es als Kraftstoff für LKW, Schiffe und für andere industrielle Zwecke verwendet werden.
Investitionen in den Transportsektor
Wir haben SPL GRAND EST MOBILITES Kapital für die Sanierung und den Transfer von 200 Regional-Express-Zügen in der französischen Region Grand Est zur Verfügung gestellt. Damit wird der Ausbau hochwertiger regionaler Schienennetze unterstützt und durch Schaffung einer Alternative zum Autoverkehr Treibhausgas eingespart. Das Projekt ist zugleich Vorbild für andere Regionen und fördert die Energiewende durch eine verbesserte öffentliche Verkehrsinfrastruktur.