Trumps Grönland‑Zölle: Ein Schritt zu weit?

Präsident Trumps grönlandbezogene Zölle könnten zu einer raschen Eskalation und einem globalen Handelskonflikt führen. Die Finanzmärkte werden dabei ein entscheidender Indikator sein – sowohl dafür, ob die Konfrontation schnell abflaut oder sich zu einem destabilisierenden wirtschaftlichen Schock ausweitet.

Wichtigste Erkenntnisse
  • Durch die Verknüpfung der Zölle mit dem Grönland-Streit haben die USA möglicherweise eine diplomatische Meinungsverschiedenheit in eine konkrete wirtschaftliche Bedrohung verwandelt und damit das Risiko erhöht, dass sich eine gezielte Maßnahme schnell zu einem systemischen Schock ausweiten könnte.
  • Sollte die EU Vergeltungsmaßnahmen ergreifen, könnte sich der Konflikt von einem begrenzten Zollstreit zwischen den USA und Europa zu einem umfassenden globalen Handelskrieg ausweiten – was einen großen stagflationären Schock auslösen würde, der unserer Meinung nach gleichzeitig das Wachstum und die Inflation beeinträchtigen und die politischen Überlegungen der Zentralbanken verändern könnte.
  • Die Marktstimmung wird entscheidend sein: Wenn die Anleger mit einer Kapitulation Europas rechnen, dürfte der wirtschaftliche Schaden unserer Ansicht nach begrenzt sein – eine negative Marktreaktion könnte hingegen die Kosten einer Eskalation für Washington rasch in die Höhe treiben und den Stimmen im Kongress oder in den Gerichten Auftrieb geben, die eine Einhegung der Regierung anstreben.
Was ist passiert?

Am Samstag, dem 17. Januar, kündigte US-Präsident Trump eine Erhöhung der Zölle um 10 Prozentpunkte an, die am 1. Februar in Kraft treten sollen. Sie betreffen die Importe aus acht europäischen Ländern – Deutschland, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande, Schweden, Dänemark, Finnland und Norwegen –, die als Gegner seiner Pläne zum Erwerb Grönlands gelten.

Dieser Schritt würde den Zollsatz für Großbritannien auf 20 % und für die anderen Länder auf 25 % erhöhen. Trump fügte hinzu, dass die Zölle um weitere 15 Prozentpunkte steigen würden, wenn es den USA nicht gelänge, Grönland bis Juni zu erwerben.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Artikels sind noch einige praktische Fragen ungeklärt:

  • Zielen auf EU-Mitgliedstaaten? – Die Einführung von Zöllen für Mitglieder einer Zollunion (alle acht außer Großbritannien und Norwegen) und des Binnenmarktes (alle außer Großbritannien) könnte komplex sein. In früheren Fällen zielten die USA eher auf landestypische Produkte (wie französischen Wein oder deutsche Autos) als auf pauschale Zölle ab.
  • Was ist die Rechtsgrundlage? – Auf welche Rechtsgrundlage wird sich Trump berufen? Der International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) ist ein wahrscheinlicher Kandidat, aber dies könnte sich als kurzlebig erweisen, wenn der Oberste Gerichtshof der USA gegen seine Anwendung entscheidet – eine solide Basisannahme in den Prognosen. Alternativ könnte sich die Regierung auf Abschnitt 301 stützen (beispielsweise in Bezug auf die EU-Verordnung über digitale Dienste), aber es ist unklar, wie dies auf bestimmte Länder ausgerichtet werden könnte. Auch würde dies auf das Vereinigte Königreich nicht zutreffen.
     
Schnelle Eskalation zu einem globalen Handelskrieg...?

Das Risiko europäischer Vergeltungsmaßnahmen ist hoch. Dänemark hat keine Bereitschaft gezeigt Grönland abzutreten, obwohl Berichten zufolge ein US-amerikanischer Erwerbsfonds in Höhe von 700 Milliarden US-Dollar vorgeschlagen wurde. Die europäischen Staats- und Regierungschefs haben bereits erhebliches politisches Kapital in die Unterstützung Dänemarks investiert. Auch die öffentliche Meinung in ganz Europa dürfte gegenüber Zugeständnissen weit weniger tolerant sein als im letzten Jahr. In einer aktuellen ARD-Umfrage in Deutschland nach der Intervention der USA in Venezuela sahen nur 15 % der Befragten die USA als vertrauenswürdigen Partner – kaum mehr als die 9 % für Russland und weit unter den über 85 % für Frankreich und Großbritannien. 1

Die EU und Großbritannien könnten mit Vergeltungszöllen reagieren – wobei die mögliche Aktivierung eines Zollpakets in Höhe von 93 Milliarden Euro ab dem 6. Februar der erste Schritt wäre. Die Auswirkungen dürften jedoch begrenzt sein, da die US-Exporte nach Europa geringer sind als die europäischen Exporte in die USA und sich stark auf den Energiesektor konzentrieren. Noch wichtiger ist, dass die EU ihr Anti-Coercion-Instrument einsetzen könnte, das genau für solche Situationen konzipiert wurde. Dies würde asymmetrische Vergeltungsmaßnahmen ermöglichen, beispielsweise durch die Beschränkung des Marktzugangs für in Europa tätige US-Dienstleistungsunternehmen.

Eine weitere Eskalation könnte schnell folgen. Die USA könnten erneut Zölle erhöhen oder beispielsweise die verbleibende militärische Unterstützung für die Ukraine einschränken. Europa könnte wiederum Verbündete weltweit zu Vergeltungsmaßnahmen mobilisieren, wodurch sich der Streit zu einem globalen Handelskrieg ausweiten und das Risiko einer globalen Rezession erheblich steigen würde.

Oder könnte sich die Lage schnell wieder beruhigen?

Nach dem „Liberation Day” im letzten Jahr kapitulierte Europa – wie auch die meisten anderen betroffenen Volkswirtschaften – letztendlich vor den Forderungen der USA. Die Angst vor dem Verlust des Zugangs zu den US-Märkten und der militärischen Unterstützung für die Ukraine sowie der Wunsch, inner-europäische Spaltungen zu vermeiden, verhinderten sinnvolle Vergeltungsmaßnahmen. Stattdessen versprachen die EU und Großbritannien umfangreiche Investitionen in den USA und den Abbau von Handelsbarrieren im Austausch für moderate Zollsenkungen.

Ein ähnliches Ergebnis kann nicht ausgeschlossen werden. Es könnte den USA erneut gelingen, Europa zu spalten: Das Anti-Coercion Instrument der EU erfordert eine qualifizierte Mehrheit, und Länder, die nicht direkt von den Zöllen betroffen sind, könnten eine Sperrminorität bilden. Die USA könnten auch die Sicherheitsabhängigkeit Europas ausnutzen. Mit der Zeit könnte innerhalb Europas Druck auf Dänemark – und möglicherweise Grönland – aufgebaut werden, nachzugeben.

Unterschiedliche geldpolitische Reaktionen auf einen möglichen Handelsschock?

Würden nur US-Zölle eingeführt, wäre der unmittelbare wirtschaftliche Schaden zwar erheblich, aber nicht überwältigend. Die Warenexporte in die USA machen in den meisten der acht betroffenen Volkswirtschaften etwa 3 % des BIP aus. Frankreich ist mit etwa 1–2 % weniger stark betroffen. Ein anhaltender Schock dieser Art könnte das BIP in diesen Ländern um etwa 0,2–0,3 % senken. Für die USA wären die Auswirkungen nach bisherigen Erfahrungen wahrscheinlich vernachlässigbar, obwohl ein schwächeres Geschäftsklima und damit geringere Investitionen nicht ausgeschlossen werden können.

Durch Vergeltungsmaßnahmen der EU würde sich der Handelskonflikt von einem Angebotsschock für die USA und einem Nachfrageschock für den Rest der Welt zu einem potenziell großen stagflationären Schock für alle Beteiligten entwickeln. Dies würde die politischen Überlegungen der Zentralbanken erheblich verändern.

Für die US-Notenbank Fed, deren Inflationsrate bereits über dem Zielwert liegt, besteht das Risiko in einer „Entankerung“ der Inflationserwartungen, was weitere Zinssenkungen verhindern könnte. Angesichts ihres doppelten Mandats könnte die Fed jedoch Anzeichen für ein schwächeres Wachstum stärker gewichten. Bislang hat sie die durch Zölle verursachte Inflation wohl ignoriert und die Zinsen trotzdem gesenkt. Eine weitere Eskalation der Handelskriege – insbesondere in Verbindung mit politischem Druck seitens der US-Regierung – könnte zusätzliche Lockerungsmaßnahmen rechtfertigen.

Die Europäische Zentralbank hat hingegen bislang die Auswirkungen der US-Zölle heruntergespielt und sogar angedeutet, dass Handelskriege Aufwärtsrisiken für die Inflation darstellen könnten, was eine straffere Geldpolitik impliziert. Eine solche Reaktion würde das Risiko einer Verschärfung des Wachstumsschocks bergen, kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Eine erhöhte Inflation könnte auch den Spielraum der Bank of England für Lockerungsmaßnahmen einschränken.

Sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der EU könnten daher fiskalische Impulse zum wichtigsten Stabilisierungsinstrument werden. Angesichts der ungleichen nationalen fiskalischen Spielräume könnte sich die Forderung nach einer europaweiten Unterstützung durch gemeinsame Kreditaufnahme verstärken.

Finanzmärkte: Wo ist jetzt der sichere Hafen?

Die Reaktionen der Finanzmärkte werden entscheidend sein. Wenn die Märkte optimistisch bleiben und davon ausgehen, dass Europa nachgeben wird, könnten die wirtschaftlichen Kosten für die USA begrenzt sein, zumal diese Zölle im Gegensatz zu den gegenseitigen Maßnahmen des letzten Jahres „nur” für Europa und nicht weltweit gelten.

Umgekehrt könnte eine negativere Reaktion der Märkte die US-Regierung unter Druck setzen, ihre Haltung zu mildern. Die Europäer könnten auch Verbündete im US-Kongress finden, die versuchen, die Maßnahmen des Präsidenten einzuschränken und die Spannungen zu deeskalieren. Ein Urteil des Obersten Gerichtshofs gegen die Anwendung des IEEPA könnte vorübergehend Erleichterung bringen, obwohl die Regierung wahrscheinlich nach alternativen rechtlichen Wegen suchen würde.

  • Es sind mehrere Ergebnisse möglich, aber das Risiko einer Eskalation des Handelskriegs zwischen den größten Volkswirtschaften der Welt scheint derzeit deutlich höher zu sein als nach dem „Liberation Day“. Dies würde wahrscheinlich einen starken Druck auf Risikoanlagen ausüben – insbesondere auf europäische Fertigungsunternehmen mit Engagement in den USA und US-Dienstleistungsunternehmen, die von den europäischen Märkten abhängig sind.
  • Der Euro könnte davon profitieren, wenn europäische Investoren Kapital aus den USA zurückführen. Dies würde US-Staatsanleihen schaden und damit auch den Druck auf die US-Regierung erhöhen. Gleiches gilt, wenn es zu einer gemeinsamen europäischen Kreditaufnahme käme.
  • Allerdings würden in diesem Szenario weder der Dollar noch der Euro als verlässliche sichere Häfen fungieren, sodass Edelmetalle – und möglicherweise der Yen – die Hauptnutznießer wären.

1 Wie von Yahoo am 8. Januar 2026 berichtet.

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