CREATED IN CHINA
Humanoide Roboter in China
In den vergangenen Jahren richtete sich ein Großteil der Aufmerksamkeit in Bezug auf China auf seine makroökonomischen Herausforderungen. Dazu zählen geopolitische Spannungen, die Schwäche des Immobiliensektors sowie Sorgen um die Binnennachfrage. So wichtig diese Themen auch sind, sie haben oft eine der spannendsten Entwicklungen der chinesischen Wirtschaft überlagert: den Aufstieg einer neuen Generation international wettbewerbsfähiger Technologieunternehmen.
Das Verständnis der Anleger für Chinas technologische Fähigkeiten hat sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. DeepSeek hat dazu beigetragen, etablierte Vorstellungen über die Fortschritte des Landes im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) zu hinterfragen. Doch auch in anderen Zukunftsbranchen wie der Halbleiterindustrie, Robotik, fortschrittlichen Fertigung, Automatisierung und Elektromobilität zeigen chinesische Unternehmen zunehmend, dass sie nicht nur innovativ sind, sondern neue Technologien auch erfolgreich im großen Maßstab kommerzialisieren können. Die wachsende technologische Eigenständigkeit in strategisch wichtigen Schlüsseltechnologien hat kontinuierliche Investitionen in Zukunftsindustrien begünstigt. Dadurch entstehen neue Technologieführer, während zugleich die industrielle Basis Chinas weiter gestärkt wird.
Dieser Beitrag befasst sich mit humanoiden Robotern, einem der sichtbarsten Anwendungsbeispiele dessen, was zunehmend als physische KI oder verkörperte Intelligenz (Embodied Intelligence) bezeichnet wird. Im Gegensatz zu Systemen, die ausschließlich in der digitalen Welt agieren, sind diese Robotersysteme darauf ausgelegt, ihre Umgebung wahrzunehmen, Entscheidungen zu treffen und mit der physischen Welt zu interagieren. Humanoide Roboter entwickeln sich damit zunehmend von reinen Demonstrationsobjekten im Labor zu Lösungen für den praktischen Einsatz in der realen Welt.
Ihre Entwicklung bietet eine hilfreiche Perspektive, um sowohl die Weiterentwicklung der Künstlichen Intelligenz als auch den Wandel des chinesischen Technologiesektors besser zu verstehen.
Humanoide Roboter: Vom Konzept zur Kommerzialisierung
Anders als herkömmliche Industrieroboter sind humanoide Roboter darauf ausgelegt, den Menschen sowohl in ihrer Gestalt als auch in ihren Fähigkeiten nachzuahmen. Sie sollen ihre Umgebung wahrnehmen, Entscheidungen treffen und Aufgaben ähnlich wie ein Mensch ausführen können. Jahrzehntelang waren humanoide Roboter vor allem Stoff der Science-Fiction. Heute sind sie eher dabei anzutreffen, Kisten in Lagerhäusern zu bewegen, als Pläne zur Weltherrschaft zu schmieden. Fortschritte in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Hardwareentwicklung und Präzisionsfertigung bringen die Technologie zunehmend näher an den praktischen Einsatz.
Ins Rampenlicht rückten humanoide Roboter 2021, als Tesla Pläne für seinen universell einsetzbaren Roboter Optimus ankündigte. In den darauffolgenden Jahren beschleunigten sich die Investitionen deutlich und zogen zunehmend Unternehmen aus den Bereichen Technologie, Fertigung und Automatisierung an. Auf der CES 2025, der weltweit größten Technologiemesse, traten mehr als ein Dutzend humanoider Roboter gemeinsam mit Nvidia-CEO Jensen Huang auf. Dort erklärte er, dass der „ChatGPT-Moment“ für die Robotik bevorstehe.¹
Das kommerzielle Potenzial ist erheblich. Branchenprognosen zufolge könnte der Markt für humanoide Roboter bis 2035 ein Volumen von 40 Mrd. USD erreichen.² Die Größe dieses Marktes spiegelt die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten wider. Humanoide Roboter könnten künftig Aufgaben in der industriellen Produktion und Logistik ebenso unterstützen wie im Gesundheitswesen, im Bildungsbereich oder in der Altenpflege. Die Technologie entwickelt sich bereits über reine Demonstrationen hinaus und findet zunehmend Eingang in ausgewählte Praxisanwendungen. Erste Einsätze erfolgen in Fabriken, Lagerhäusern und Logistikzentren, wo Roboter bei Aufgaben wie Materialtransport, Inspektionen und Bestandsmanagement unterstützen.³ Auch wenn sich die Technologie noch in einem frühen Entwicklungsstadium befindet, deuten diese Anwendungen darauf hin, dass der Übergang vom Konzept zur praktischen Nutzung bereits begonnen hat.
Fortschritte bei den KI-Fähigkeiten, der Hardwareleistung und der Skalierung der Fertigung dürften die Kosten weiter senken und gleichzeitig die Einsatzmöglichkeiten erweitern. Eine breite Einführung wird jedoch letztlich davon abhängen, ob humanoide Roboter in anspruchsvollen realen Umgebungen zuverlässig, sicher und wirtschaftlich eingesetzt werden können.
Abbildung 1: Jährliche weltweite Auslieferungen humanoider Roboter (in Tausend Stück)
Quelle: Bank of America Institute, Physical AI, Teil 2: Humanoide Roboter, 12. März 2026
Warum China bei humanoider Robotik eine Führungsrolle einnimmt
Während sich die weltweite Aufmerksamkeit für humanoide Robotik zunächst vor allem auf Entwicklungen in den USA konzentrierte, entwickelt sich China zunehmend als wichtiger Akteur entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die Rolle des Landes geht weit über die Lieferung von Komponenten wie Sensoren, Aktuatoren, Steuerungssystemen, Batterien und Halbleitern hinaus. Chinesische Unternehmen entwickeln, produzieren und implementieren zunehmend vollständige humanoide Robotersysteme für ein immer breiteres Spektrum an Anwendungsfeldern.
Noch wichtiger ist, dass sich die Diskussion über humanoide Roboter zunehmend von Innovation hin zur Industrialisierung verlagert. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Roboter laufen, tanzen oder Saltos schlagen können. Die größere kommerzielle Herausforderung besteht darin, ihnen beizubringen, dieselbe Aufgabe Tausende Male pro Tag sicher und zuverlässig auszuführen. Genau hier dürften Chinas Stärken in den Bereichen Ingenieurwesen, Fertigungskompetenz und Tiefe der Lieferketten besonders zum Tragen kommen.
Diese Stärken werden durch Chinas breite industrielle Basis zusätzlich gestützt. Wichtige Robotikkomponenten wie Servomotoren, Präzisionsgetriebe, Sensoren und Batterien werden zunehmend im Inland beschafft, wobei der Anteil lokaler Wertschöpfung kontinuierlich steigt. Dadurch sind in China gefertigte humanoide Roboter Schätzungen zufolge mindestens 20 % günstiger als vergleichbare internationale Modelle. Darüber hinaus dürfte Chinas führende Stellung bei der Batterieproduktion und bei Seltenerdmagneten einen weiteren Wettbewerbsvorteil bieten, während sich die Branche zunehmend in Richtung Kommerzialisierung entwickelt.⁴
Chinas Rolle wird auch bei der Produktion und dem Einsatz humanoider Roboter zunehmend sichtbarer. Branchenschätzungen zufolge wurden im Jahr 2025 rund 90 % aller weltweit ausgelieferten humanoiden Roboter von chinesischen Unternehmen hergestellt.⁴ Chinesische Firmen setzen humanoide Roboter bereits in der Lagerlogistik, bei Fabrikinspektionen sowie in ausgewählten Dienstleistungsbereichen ein. Gleichzeitig entwickelt sich die Nachfrage von Behörden und Staatsunternehmen zu einem wichtigen Wachstumstreiber.
Dabei zeigen sich deutliche Parallelen zur Entwicklung der chinesischen Elektrofahrzeugindustrie. In beiden Branchen haben frühzeitige politische Unterstützung, kontinuierliche Investitionen und grosse Fertigungskapazitäten den Weg von der Innovation zur Kommerzialisierung beschleunigt. Zwar befindet sich die humanoide Robotik noch in einem deutlich früheren Entwicklungsstadium, Chinas Erfahrung im Elektrofahrzeugsektor zeigt jedoch, dass langfristige Führungspositionen nicht allein durch technologische Durchbrüche bestimmt werden. Ähnlich wie bei Elektrofahrzeugen vor zehn Jahren verlagert sich die Diskussion zunehmend von der Frage, ob die Technologie funktioniert, hin zu der Frage, wie schnell die Kosten sinken und die Produktion skaliert werden kann.
Auch ausserhalb von Fabriken und Lagerhäusern wird die Technologie immer sichtbarer. Wer heute nach China reist, kann humanoiden Robotern bereits beim Check-in in Hotels, beim Servieren von Speisen in Restaurants oder bei grossen öffentlichen Veranstaltungen begegnen. Im Jahr 2026 absolvierte ein humanoider Roboter den Pekinger Halbmarathon für humanoide Roboter in 50 Minuten. Zum Vergleich: Nur ein Jahr zuvor benötigte der siegreiche Roboter noch 2 Stunden und 40 Minuten.⁵ Dies verdeutlicht die rasanten Fortschritte in Bereichen wie Gleichgewicht, Fortbewegung und Ausdauer.
Abbildung 2: Anteil chinesischer Hersteller bei zentralen Komponenten humanoider Roboter (%)
Quelle: Ubtech, Bank of America, Allianz Global Investors, September 2025.
Abbildung 3: Humanoide Roboter im Einsatz (in Millionen Einheiten)
Quelle: Morgan Stanley Research, “Asia Economics: Humanoids and Robots – The Next Chapter in China’s Dominance in Global Manufacturing”, 4. Mai 2026.
Fazit
Unserer Ansicht nach besteht Chinas langfristiges wirtschaftliches Ziel darin, ein künftiges Wachstumsmodell aufzubauen, das auf technologieintensiver Fertigung basiert und die historische Abhängigkeit von Immobilien und Infrastrukturinvestitionen verringert. Mit dem Fortschreiten dieses Strukturwandels entsteht ein breiteres und dynamischeres Anlageuniversum.
Humanoide Roboter sind ein anschauliches Beispiel für diese Entwicklung. Auch wenn sich der Sektor noch in einem frühen Entwicklungsstadium befindet, verdeutlicht er Chinas wachsende Stärken in den Bereichen Künstliche Intelligenz, fortschrittliche Fertigung und industrielle Skalierung. Der Fortschritt geht zunehmend über Demonstrationen im Labor hinaus und findet Eingang in reale Anwendungsfelder. Herausforderungen bestehen weiterhin hinsichtlich Kosten, Zuverlässigkeit, Sicherheit und wirtschaftlicher Tragfähigkeit. Dennoch deutet das Tempo der technologischen Entwicklung darauf hin, dass sich humanoide Roboter von einer technologischen Neuheit zu einer industriellen Realität entwickeln.
Für Investoren reicht das Potenzial dabei weit über die Hersteller von Robotern selbst hinaus. Viele der interessantesten Chancen könnten bei den Unternehmen liegen, die die Halbleiter, Softwarelösungen, Sensoren, Bewegungssteuerungssysteme und Präzisionskomponenten liefern, auf denen die nächste Generation intelligenter Maschinen aufbaut. Wie bei vielen transformativen Technologien könnten sich einige der größten Gewinner letztlich tiefer in der Wertschöpfungskette zu finden sein als bei den Robotern selbst.
Investitionschancen entlang der Wertschöpfungskette humanoider Roboter
Bereits jetzt gibt es eine Reihe börsennotierter Unternehmen, die erhebliches Kapital und Personal in die Entwicklung humanoider Roboter investiert haben. Beispiele hierfür sind:
- Zhejiang Shuanghuan Driveline – Das Unternehmen verfügt über ein Portfolio von mehr als 400 Patenten in den Bereichen Energiemanagement, Elektromotoren und Steuerungsalgorithmen.⁶ Besonders spezialisiert ist es auf Harmonic Drives und Präzisionsgetriebe. Diese fungieren gewissermaßen als „Gelenke“ eines Roboters, indem sie die Leistung von Elektromotoren in hochpräzise und kontrollierte Bewegungen umwandeln.
- Jiangsu Hengli Hydraulic – Das Unternehmen zählt zu den führenden Herstellern hydraulischer Komponenten und präziser Bewegungssteuerungssysteme. Darüber hinaus expandiert es in die Produktion von Kugel- und Rollengewindetrieben, die als zentrale Komponenten in Roboterarmen und Aktuatoren eingesetzt werden. Diese ermöglichen hochpräzise lineare Bewegungen und gelten als eine der Schlüsseltechnologien für humanoide Roboter.
- Zhejiang Sanhua Intelligent Controls – Aufbauend auf seiner Expertise im Bereich Präzisionssteuerungssysteme erweitert Sanhua sein Geschäft um Aktuatoren für humanoide Roboter, die häufig als die „Muskeln“ eines Roboters bezeichnet werden. Das Unternehmen beliefert bereits Teslas Elektrofahrzeugsparte und gilt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten für die Lieferung wichtiger Komponenten für Teslas humanoides Roboterprogramm Optimus.
- Cambricon Technologies – Das Unternehmen zählt zu den führenden Entwicklern von KI-Chips in China und entwickelt Prozessoren für maschinelles Sehen, Sprachmodelle und intelligente Entscheidungsprozesse. Wenn Motoren und Aktuatoren die „Muskeln“ eines Roboters darstellen, bilden KI-Prozessoren einen großen Teil seines „Gehirns“. Sie ermöglichen es Robotern, ihre Umgebung zu interpretieren, große Datenmengen zu verarbeiten und eigenständig auf unterschiedliche Situationen zu reagieren.
1 Ctech, 27. Januar 2025.
2 Barclays Research, ""AI gets physical: Innovation meets opportunity"", 14. Januar 2026.
3 Figure AI, “F.02 Contributed to the Production of 30,000 Cars at BMW,” 19. November 2025.
4 Morgan Stanley Research, “Asia Economics: Humanoids and Robots – The Next Chapter in China’s Dominance in Global Manufacturing”, 4. Mai 2026.
5 Yang Cheng und Li Wei. “Robots Outrun Humans at Marathon.” China Daily, 19. April 2026.
6 Webseite von Zhejiang Shuanghuan Driveline, Stand: 31. Juli 2026.