INFRASTRUKTUR NEU DENKEN
Infrastruktur: Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit schliessen
Eine Reihe struktureller Entwicklungen – von der Anpassung an den Klimawandel über die Elektrifizierung bis hin zu Digitalisierung und Energiesicherheit – löst derzeit eine neue Investitionswelle im Infrastruktursektor aus. Um diese Herausforderungen zu bewältigen, sind erhebliche Investitionen erforderlich: Bestehende Infrastruktur muss modernisiert, Kapazitäten müssen erweitert und die Widerstandsfähigkeit kritischer Systeme gestärkt werden. Daraus ergeben sich langfristige Anlagechancen für Anleger.
Das Wichtigste in Kürze
- Infrastruktur stärkt die Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimarisiken wie Hitzewellen, Wasserknappheit und Überschwemmungen.
- Bestehende Infrastruktur kann zum Engpass werden, wenn Investitionen nicht auf Kapazitätserweiterungen, Widerstandsfähigkeit und langfristige Anpassungsfähigkeit ausgerichtet sind.
- Die Energiewende und der Boom bei KI-Investitionen sind wichtige Treiber der Infrastrukturnachfrage.
- Infrastruktur bietet langfristige Anlagechancen im Zuge der Transformation, sowohl an öffentlichen als auch an privaten Märkten.
Die Rekordtemperaturen auf der Nordhalbkugel in diesem Sommer haben Verkehrsnetze belastet, die Verfügbarkeit von Wasser eingeschränkt und den Energiebedarf steigen lassen. Damit wurde einmal mehr deutlich, welche zentrale Rolle Infrastruktur für das Funktionieren einer modernen Volkswirtschaft spielt.
Die Klimaherausforderung hat zwei Dimensionen: Zum einen müssen Volkswirtschaften die physischen Folgen des Klimawandels bewältigen. Zum anderen gilt es, die Emissionen aus Energie- und Verkehrssystemen zu senken. In hoch entwickelten Regionen entfallen rund 70 % der Emissionen auf diese beiden Bereiche. Deshalb ist eine widerstandsfähige Infrastruktur von entscheidender Bedeutung für Nachhaltigkeit, Klimaanpassung und den Übergang zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaft. Eine Schlüsselrolle kommt dabei der Energiewende zu.
Als bedeutender Investor in diesem Bereich sowohl in den Public Markets als auch in den Private Markets sind wir der Ansicht, dass private Investitionen unerlässlich sind, um die künftigen Herausforderungen im Infrastrukturbereich zu bewältigen, insbesondere angesichts steigender öffentlicher Verschuldung. Investitionen werden dazu beitragen, bestehende Infrastruktursysteme an die Anforderungen der Energiewende anzupassen und gleichzeitig neue Wachstumschancen zu erschliessen.
Für Anleger dürfte dies Umfang, Ausgestaltung und Schwerpunkt der Infrastrukturfinanzierung prägen und die Stellung von Infrastruktur als Anlageklasse weiter stärken. Aus unserer Sicht kann sie Diversifikationsvorteile und ein attraktives langfristiges Risiko-Ertrags-Profil bieten.
„Die Energiewende bleibt ein zentraler langfristiger Treiber für den Infrastruktursektor. Zunehmend wird sie jedoch von weiteren Entwicklungen beeinflusst, insbesondere von der Digitalisierung, die immer stärker durch KI geprägt wird, sowie von geopolitischen Spannungen. Gemeinsam schaffen diese Trends zusätzliche Anlagechancen und erweitern das Anlageuniversum für Investoren.
KI-Anwendungen, Rechenzentren und andere Formen digitaler Infrastruktur treiben die Stromnachfrage strukturell nach oben. Dadurch steigt der Bedarf an einer zuverlässigen, kohlenstoffarmen Energieversorgung und an leistungsfähigen Stromnetzen.
Gleichzeitig gewinnen Energiesicherheit und Resilienz vor dem Hintergrund einer zunehmend fragmentierten geopolitischen Landschaft an Bedeutung. Investitionen fliessen verstärkt in kritische Infrastruktur sowie in heimische Energiesysteme wie Stromnetze und Batteriespeicher.
Für institutionelle Anleger eröffnet dies unseres Erachtens zusätzliche Chancen in den Bereichen saubere Energie, Netzinfrastruktur und die dafür erforderliche Infrastruktur.“
Marta Perez, CIO Infrastructure bei Allianz Global Investors
Nachhaltigkeit als struktureller Treiber
Infrastruktur spielt eine Schlüsselrolle bei der Erreichung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs). Sie bildet die Grundlage für Fortschritte in Bereichen wie sauberer Energie, Innovation sowie nachhaltigen Städten und Gemeinden.
Der Investitionsbedarf ist enorm: Schätzungen zufolge werden bis 2050 weltweit zwischen 139 und 151 Billionen US-Dollar in Infrastruktur fliessen.1 Bereits bis 2040 könnten Investitionen von rund 100 Billionen US-Dollar erforderlich sein.2
Dabei zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. Während der asiatisch-pazifische Raum bis 2050 voraussichtlich mehr als die Hälfte der weltweiten Infrastrukturinvestitionen auf sich vereinen wird, dürfte Afrika das stärkste Wachstum verzeichnen.3 Europa und Nordamerika stehen hingegen vor der Aufgabe, ihre bestehende Infrastruktur zu modernisieren und widerstandsfähiger zu machen, um den Anforderungen der Klimaanpassung gerecht zu werden. In anderen Regionen steht vor allem der Ausbau neuer Kapazitäten im Vordergrund, einschliesslich der umfangreichen Investitionen Chinas in die Elektrifizierung.
Aus unserer Sicht können nachhaltige Anlagen einen wichtigen Beitrag leisten. Gut geplante Infrastruktur verbindet langfristigen gesellschaftlichen Nutzen mit den Anforderungen der Transformation hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft.
Auch regulatorisch gewinnt Infrastruktur an Bedeutung. Infrastruktur ist ausdrücklich in der Offenlegungsverordnung (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) berücksichtigt und kann in die nachhaltige Investitionsquote eines Fonds einfließen. Dadurch kann sie grundsätzlich auch für Fonds nach Artikel 8 oder Artikel 9 relevant sein.
Darüber hinaus bietet die EU-Taxonomie einen wichtigen Orientierungsrahmen. Da zahlreiche Infrastrukturprojekte unmittelbar zu den dort definierten ökologischen Zielen beitragen, können Infrastrukturinvestitionen unter bestimmten Voraussetzungen als nachhaltig eingestuft werden.4
Erneuern und modernisieren
Die Modernisierung und Erneuerung bestehender Infrastruktur ist mit erheblichen Herausforderungen verbunden. Bestehende Dienstleistungen müssen ohne Unterbrechungen aufrechterhalten, veränderte Anforderungen berücksichtigt, neue Infrastruktur integriert und die langfristige Zukunftsfähigkeit der Systeme sichergestellt werden.
Mit dem Übergang zu einer stärker elektrifizierten Welt entstehen auch beim Ausbau erneuerbarer Energien neue Herausforderungen. Anlagen zur Erzeugung erneuerbarer Energien sind naturgemäß stärker dezentral organisiert, und ihre Stromerzeugung schwankt stärker. Entsprechend müssen sich die Stromnetze anpassen. Entscheidend sind dabei intelligente Stromnetze (siehe Abbildung 1), die Energieangebot und tatsächliche Nachfrage besser aufeinander abstimmen und so die Effizienz des Gesamtsystems erhöhen.
Abbildung 1: Schematische Darstellung eines intelligenten Stromnetzes
Quelle: Allianz Global Investors, Sustainability Research, 2026
Gleichzeitig besteht das Risiko, dass Stromnetze an ihre Belastungsgrenzen geraten, insbesondere wenn sie bereits überaltert oder unzureichend gewartet sind. Ein tragisches Beispiel hierfür war der Defekt eines mehr als hundert Jahre alten Befestigungselements an einem Stromübertragungsmast, der 2018 einen verheerenden Brand in Kalifornien auslöste. 5
Hinzu kommt, dass die schwankende Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien geeignete Speicherlösungen erfordert. Hierfür stehen verschiedene Technologien zur Verfügung, von Batteriespeichern über Pumpspeichersysteme bis hin zur Wasserstoffproduktion. Jede dieser Lösungen setzt jedoch zusätzliche Infrastrukturinvestitionen voraus. So werden für den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft neue Produktionsanlagen, Speicherkapazitäten und Transportinfrastruktur benötigt. Bei der Wasserkraft wiederum besteht die Herausforderung darin, Wasser für die Speicherung auf höher gelegene Standorte zu pumpen.
Darüber hinaus muss die Energieinfrastruktur deutlich ausgebaut werden, um die steigende Nachfrage zu decken. Allein das deutsche Stromnetz umfasst schätzungsweise 1,7 Millionen Kilometer über sämtliche Spannungsebenen hinweg. 6 Zudem sind rund 40 % der europäischen Stromnetze älter als 40 Jahre. 7
Auch im Verkehrssektor gilt die Elektrifizierung als zentraler Hebel zur Dekarbonisierung. Dadurch dürfte der Druck auf die Stromnetze weiter zunehmen. Gleichzeitig entstehen neue Infrastrukturanforderungen, etwa durch den Ausbau öffentlicher Ladeinfrastruktur entlang von Strassen sowie privater Lademöglichkeiten. Insbesondere bei Mehrfamilienhäusern werden entsprechende Ladepunkte in einigen Ländern bereits gesetzlich vorgeschrieben.
Die Kosten bestehender Infrastruktur
Der Ausbau erneuerbarer Energien macht deutlich, welche Herausforderungen mit bestehender Infrastruktur verbunden sind. Viele Systeme spiegeln die politischen Entscheidungen, technologischen Möglichkeiten und Anforderungen vergangener Jahrzehnte wider.
Heute stossen diese Systeme zunehmend an ihre Grenzen. Alternde Infrastruktur muss modernisiert und instand gesetzt werden, während gleichzeitig neue Kapazitäten geschaffen werden müssen. Die Kosten dafür sind beträchtlich. So könnte der Austausch bleihaltiger Wasserleitungen in den USA innerhalb von zehn Jahren bis zu 15 Milliarden US-Dollar kosten. 8 Für die Modernisierung und Erneuerung der europäischen Stromnetze werden Investitionen von rund 584 Milliarden Euro veranschlagt. 9
Neben den finanziellen Herausforderungen ist die Umsetzung oftmals komplex. Infrastrukturprojekte erfordern die Zusammenarbeit einer Vielzahl von Beteiligten, darunter Behörden, Grundstückseigentümer und private Unternehmen (siehe Abbildung 2). Unterschiedliche Interessen können Entscheidungsprozesse verlangsamen und Investitionsvorhaben verzögern.
Hinzu kommt, dass Infrastruktur in sehr langen Zeiträumen gedacht werden muss. Investitionen werden für Jahrzehnte und teilweise sogar für Jahrhunderte getätigt. Deshalb müssen künftige Anforderungen bereits heute antizipiert werden.
Abbildung 2 zeigt, wie bestehende Strukturen Veränderungen erschweren können. In manchen Fällen bleibt Infrastruktur in Betrieb, obwohl sie nicht mehr optimal geeignet ist. In anderen Fällen wird eine Technologie beibehalten, weil ein Austausch umfangreiche Anpassungen, hohe Investitionen oder Unterbrechungen bestehender Dienstleistungen nach sich ziehen würde. Aus unserer Sicht sind deshalb gezielte Strategien erforderlich, um solche Beharrungseffekte zu überwinden und den Transformationsprozess zu beschleunigen.
Abbildung 2: Der Lebenszyklus von Infrastrukturanlagen
Quelle: Allianz Global Investors, Sustainability Research, 2026
Die nächste Phase
Abbildung 3: Infrastruktur als Rückgrat einer widerstandsfähigen und gut funktionierenden Gesellschaft
Quelle: Allianz Global Investors, Building resilience through innovative infrastructure, Februar 2026
Infrastrukturrisiken machen selten an den Grenzen eines einzelnen Systems halt. Die Folgen des Klimawandels zeigen dies deutlich: Extreme Hitze kann Stromanlagen beschädigen, die Kühlung von Kernkraftwerken erschweren und den Bahnverkehr beeinträchtigen. Die enge Vernetzung verschiedener Infrastruktursysteme erhöht damit sowohl die Dringlichkeit als auch die Komplexität der erforderlichen Investitionen. Gleichzeitig macht sie deutlich, wie wichtig Infrastruktur ist, die auch unter unsicheren künftigen Bedingungen zuverlässig funktioniert.
Ein aktuelles Beispiel ist der Boom bei KI-Investitionen. Die stark steigende Nachfrage nach Rechenzentren erhöht den Druck auf Stromnetze und Wasserressourcen. Viele neue Anlagen werden zudem in Regionen errichtet, die bereits unter Wasserknappheit leiden. Dies verdeutlicht den Bedarf an zusätzlichen Investitionen in die Infrastruktur, die eine zunehmend digitale Wirtschaft benötigt.
Investitionen in Widerstandsfähigkeit
Infrastrukturinvestitionen konkurrieren zunehmend mit anderen Ausgabenprioritäten. Angespannte öffentliche Haushalte und steigende Verteidigungsausgaben schränken den finanziellen Spielraum vieler Staaten ein. Gleichzeitig nimmt der Investitionsbedarf weiter zu. Dennoch entwickelt sich der Markt positiv. Nach Angaben von McKinsey beschleunigen sich die weltweiten Infrastrukturinvestitionen, insbesondere in den Bereichen Energie und Technologie. Unterstützt wird dieser Trend durch wachsende Zuflüsse privaten Kapitals. Das globale Fundraising im Infrastrukturbereich stieg von rund 180 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 auf nahezu 200 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025.10
Um den steigenden Kapitalbedarf zu decken, werden innovative Finanzierungslösungen und zusätzliche private Mittel entscheidend sein. Darauf haben wir bereits in unserem Beitrag zu Elektrifizierung und KI hingewiesen - zum Original-Artikel (Englisch) THEMATIC PULSE: Power play | Allianz Global Investors.
Aus unserer Sicht zählen Infrastrukturinvestitionen zu den zentralen Treibern künftiger wirtschaftlicher und finanzieller Entwicklung. Gleichzeitig leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Volkswirtschaften und Gesellschaften. Klimaanpassung, Elektrifizierung, Digitalisierung und Energiesicherheit verändern die globale Wirtschaft grundlegend und erhöhen die strategische Bedeutung von Infrastruktur weiter.
Der Investitionsbedarf ist enorm. Ebenso gross sind jedoch die Chancen für Anleger, die dazu beitragen können, die Lücke zwischen ambitionierten Zielen und ihrer Umsetzung zu schliessen.
Beispiele für unsere Infrastrukturinvestitionen in den Private Markets
Energiesicherheit - NeuConnect hat die erste direkte Energieverbindung zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich geschaffen. Die 725 Kilometer lange Kabelverbindung unter der Nordsee fungiert als „unsichtbare Energieautobahn“, ermöglicht den Austausch von bis zu 1,4 GW Strom und trägt dazu bei, die Energiesicherheit und die Energiewende zu stärken, indem erneuerbare Energie über zwei der grössten größten europäischen Märkte hinweg integriert wird.
Wasserversorgung - Allianz Global Investors stellte 200 Millionen GBP bereit und gehörte damit zu den grössten Kreditgebern bei der milliardenschweren Finanzierung des Haweswater Aqueduct Resilience Programme (HARP), einem der grössten Wasserinfrastrukturprogramme im Vereinigten Königreich. Im Rahmen von HARP werden sechs Tunnel einer mehr als 70 Jahre alten, 110 Kilometer langen Pipeline ersetzt und instandgehalten.
Schienenverkehr - Allianz Global Investors beteiligte sich mit 256 Millionen EUR an einem Finanzierungspaket für die Modernisierung und Überführung von rund 200 Zügen in ein regionales Expressbahnnetz in Frankreich.
1 EY, Sustainable infrastructure: a paradigm shift towards greener investments, 2024
2 McKinsey, What is infrastructure, 2025
3 McKinsey, What is infrastructure, 2025
4 European Commission, EU taxonomy for sustainable activities, März 2026
5 NBC, Long term wear on PG&E line that sparked camp fire, 2019
6 Federal Ministry for Economic Affairs and Industry, Grids and infrastructure, 2026
7 European Commission, Comission sets out actions to accelerate the roll-out of electricity grids, 28 November 2023
8 Brookings, What would it cost to replace all the nation’s lead water pipes, Oktober 2024
9 European Commission, Comission sets out actions to accelerate the roll-out of electricity grids, 28 November 2023
10 McKinsey, What is infrastructure, 2025